Reflexion über Oberfläche | Die Bilder von Mark Harrington irritieren den Betrachter in seiner Sehgewohnheit und erschließen sich deshalb nicht auf den ersten Blick. Sie bestehen nicht nur aus einem Bildträger, in seinen neuesten Arbeiten fügt er gleich bis zu 4 davon zusammen, in unterschiedlichen Formaten und mit jeweils unterschiedlicher Leserichtung. Das verwendete Mal-Material ist Acryl auf Leinen, das auf eine gitterartige Unterkonstruktion aus Holz gespannt wird. Andere Arbeiten bestehen wiederum aus Acryl auf Karton. Demzufolge sprechen wir hier nicht nur von Bildern im herkömmlichen Sinn, sondern von Bildobjekten. Dies alles ist aber nur der äußere Anschein, der eine weitere Ebene verbirgt. Harrington malt nicht nur, er arbeitet sich im wahrsten Sinne körperlich an seinen Bilder ab. Die erkennbare Oberfläche besteht aus mehreren Schichten dick aufgetragener Farbe, die im feuchten Zustand mit speziell hergestellten Werkzeugen durchzogen werden. Pinsel werden von ihm nicht verwendet. Das Ergebnis ist der eingefrorene Prozessfortschritt in seinem Endzustand sowie Farboberflächen mit Linien, die bedürfen, ein zweites und drittes Mal angesehen zu werden, um ihre Schönheit vollständig zu begreifen. Mark Harrington wurde 1952 in Bakersfield, Kalifornien geboren. Kunsthistorisch zu verorten ist er in der Abstraktion und im Minimalismus, er unterwirft sich nicht dem Zeitgeist, sondern entwickelt seine Position über die Jahre beständig weiter und verteidigt sie bis heute. So gesehen ist seine konzeptuelle Arbeit solitär in der zeitgenössischen Malerei und verdient es, reflektiert zu werden, gerade in einer zunehmend oberflächlich werdenden Welt. Deshalb ist der Ausstellungstitel „reflections“ Programm und gleichzeitig Aufforderung, über die Arbeiten von Mark Harrington nachzudenken! | Andreas Stucken zur Ausstellung „reflections“ von Mark Harrington in der Neuen Galerie Landshut, 2025
Projekte

Translokation – eine biodiverse Ökosiedlung auf Stelzen
Ein Kunstprojekt von Stucken Art & Projects zum Stadtjubiläum Bremerhaven 200 / 2027
Zum
200-jährigen Stadtjubiläum Bremerhavens wird
2027 mit dem Stuttgarter Künstler
Oliver Braig das Kunstprojekt „Translokation – eine biodiverse Ökosiedlung auf Stelzen“ realisiert. Die Installation besteht aus einer variabel dimensionierbaren Konstruktion aus Robinienstämmen, die im Boden verankert und durch weitere, vertikal aufragende Stämme ergänzt werden. An deren oberen Enden befinden sich Vogelhäuser. Es entsteht eine skulpturale, zugleich funktionale Architektur für Vögel – eine
temporäre Ökosiedlung, die Natur, Stadtraum und menschliche Architektur miteinander verbindet. Als Standort bietet sich der Platz vor dem
Deutschen Schifffahrtsmuseum in besonderer Weise an. Hier entwickelt das Kunstwerk einen unmittelbaren Bezug zur Geschichte und Identität Bremerhavens: einer Stadt, deren Entwicklung seit jeher von
Hafen, Seefahrt, Migration, globalen Bewegungen und dem Verhältnis von Mensch und Natur geprägt ist.

Der Titel „Translokation“ verweist dabei auf Bewegung und Ortswechsel. Bremerhaven ist historisch ein Ort der Ankunft und des Aufbruchs, insbesondere im Zusammenhang mit der europäischen Auswanderung. Millionen Menschen passierten den Hafen auf ihrem Weg in eine neue Welt. Die Vogelhäuser der Installation eröffnen hierzu eine poetische Parallele: Vögel sind ebenfalls Reisende zwischen Orten und Kontinenten, geprägt von saisonalen Bewegungen, Migration und dem Wechsel ihrer Lebensräume.
Gleichzeitig erinnert die vertikale Struktur der Installation an Masten, Takelage und Krähennester und nimmt damit unmittelbar die maritime Architektur und Bildwelt Bremerhavens auf. Die Baumstämme stehen dabei zugleich für etwas scheinbar Gegensätzliches: Sie verweisen auf Wald und gewachsene Natur und treffen auf den von Hafen, Schiffbau und Infrastruktur geprägten urbanen Raum. So entsteht eine Verbindung zwischen Naturraum und Hafenraum, zwischen Sesshaftigkeit und Bewegung, zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Besonders relevant ist die geplante Positionierung im räumlichen Zusammenhang mit zwei bereits im Stadtraum vorhandenen künstlerischen Arbeiten. In einer gedachten Linie verbindet sich „Translokation“ mit dem „Seemannsarm“ von Stephan Balkenhol auf dem Vorplatz des Deutschen Schifffahrtsmuseums und mit „The last step“ von Ilya Kabakov an der Karlstadt 8. Damit entsteht ein außergewöhnlicher öffentlicher Kunstraum, in dem sich drei unterschiedliche Perspektiven auf Bremerhaven überlagern: der Seemann und die maritime Geschichte, der Auswanderer und die Erfahrung des Aufbruchs sowie die Zugvögel und die gegenwärtigen Fragen nach Migration, Lebensraum und Biodiversität.
Gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels und des weltweiten Artensterbens erhält „Translokation“ eine weitere Bedeutungsebene. Die Installation schafft mitten im urbanen Raum einen temporären Lebensraum für Vögel und macht damit ökologische Prozesse sichtbar. Die Vogelhäuser sind nicht allein skulpturale Elemente, sondern konkrete Angebote an eine andere Spezies, den von Menschen geprägten Stadtraum mitzunutzen. Damit stellt das Projekt auch eine für Bremerhaven zentrale Zukunftsfrage: Wie kann eine Stadt, die historisch durch die Bewegung von Menschen, Waren und Schiffen geprägt ist, heute Räume für andere Formen von Bewegung und Leben schaffen?
„Translokation“ verbindet auf diese Weise die historische Identität Bremerhavens mit gegenwärtigen und zukünftigen Themen. Migration, Mobilität, Hafen, Natur, Klimawandel und Biodiversität werden nicht isoliert betrachtet, sondern in einer skulpturalen Arbeit miteinander verschränkt.
Die Installation soll Mitte März 2027, rechtzeitig zum Beginn der Brutsaison, aufgestellt werden und bis Ende 2027 temporär am Standort verbleiben. In das Projekt sind BEAN als Kooperationspartner sowie das Deutsche Schifffahrtsmuseum eingebunden. Weitere Kooperationen mit dem Deutschen Auswandererhaus, dem Klimahaus sowie der Kunsthalle/Kunstmuseum Bremerhaven sind vorgesehen.
Im Verlauf des Jahres sollen an unterschiedlichen Orten Gespräche und Veranstaltungen zu den Themen Kunst, Auswanderung, Migration, Biodiversität und Klimawandel stattfinden. Dadurch wird „Translokation“ über die eigentliche Skulptur hinaus zu einem öffentlichen Diskursraum, der unterschiedliche Institutionen und Perspektiven miteinander verbindet.
Zum Stadtjubiläum entsteht damit ein Kunstprojekt, das Bremerhaven nicht lediglich als Ausstellungsort nutzt, sondern aus der besonderen Geschichte und Gegenwart der Stadt heraus entwickelt ist. Die Installation macht sichtbar, was Bremerhaven seit jeher auszeichnet: Bewegung, Aufbruch und globale Verbindungen – und die Notwendigkeit, diese Zukunft unter veränderten ökologischen Bedingungen neu zu denken.
Andreas Stucken ist zunehmend auch als Kurator für internationale Künstler/-innen tätig. So kuratierte er die Ausstellungen "Hybrid Structures" des chinesischen Künstlers
Tang Hui im
Searching Art Center in Gulangyu, Fujian, China (2025) und "reflections" in der
Neuen Galerie Landshut (2025) und "DEGI-DEGI" in der
Domagk-Halle 50, München (2020) des amerikanischen Künstlers
Mark Harrington sowie "Das gelbe Zelt" mit 48 internationalen Künstler/-innen bei
augsburg contemporary
Mark Harrington "reflections", Neue Galerie Landshut, 2025

Artist Talk | Mark Harrington und Andreas Stucken über Leben und Werk des Künstlers am 31.8.2025 in der Neuen Galerie Landshut
Tang Hui "Hybrid Structures", Searching Art Center, Gulangyu, Fujian, China, 2025
Video zur Eröffnung der Ausstellung "Hybrid Structures von Tang Hui im Searching Art Center, Gulangyu, Fujian, China, 2025
